Södra Kungsleden Teil 1

Vielmehr der Prins:essaleden…

…aus Basis der Frequentierung des Weges. Denn der Södra Kungsleden steht ganz klar im Schatten des Kungsleden nördlich des Polarkreises. Daher ist der besondere Reiz hier: einsamer – wilder – abwechslungsreicher!

Ausgangsbedingungen und Tourenplanung

Bereits seit vielen Jahren reizt mich diese Weitwanderung. Das Versprechen von einsamer Weite bei einem Wechsel aus Fjäll und Bergwald zieht mich deutlich mehr in den Bann als der doch eher schon überlaufene und karge nördliche Kungsleden.
Insgesamt ist der Weitwanderweg gute 350 km lang und verläuft meist in Nord-Süd Richtung immer an der norwegischen Grenze entlang. Mein Gedanke war den Weg von Süden zu starten, damit ich auf jeden Fall das einzigartige Fulufjället erleben kann. Als angepeiltes Ziel hatte ich mir gute zwei Drittel der Gesamtdistanz und damit den See Rogen vorgenommen, dessen von Wäldern gesäumte Ufer ebenfalls ein besonderes Erlebns sein sollen.

PLATZHALTER

Die Anreise

Mit dem Snälltåget kommt man über Nacht bequem von Berlin bzw. Hamburg nach Stockholm. Die Garnituren sind zwar schon etwas in die Jahre gekommen, erfüllen aber ihren Zweck. Der Vorteil mit einem Interrail Ticket ist die kostengünstige und vor allem flexible Möglichkeit zum Reservieren eines Platzes. Besonders für die Rückreise würde ich das beim nächsten Mal auch so machen, anstatt über die schwedische Staatsbahn SJ ein fixes Ticket zu kaufen. Von Stockholm fährt man noch mit einem IC nach Borlänge und dann mit zwei Bussen und Umsteigen in Malung nach Sälen Högfjällshotellet. Ins Ortszentrum Sälen fährt der Bus öfter, der Zustieg wird dann aber um zehn Kilometer länger.

Von Sälen ins Fulufjället

Holpriger Start

Nachdem die einzig sinnvolle Verbindung mich um 20:15 an der Bushaltestelle Sälen Högfjällshotellet ausgespuckt hat blieb nicht mehr allzuviel Zeit zum Wandern. Eigentlich wollte ich noch vier Kilometer bis zur Östfjällsstugan gehen. Durch mein unhandliches Zusatzgepäck in Form von Proviant für die Anreise (ich hatte schon geahnt, dass meine Umstiege knapp werden und ich weder Zeit zum Essen noch zur Herstellen der optimalen Marsch-Gepäckordnung haben werden), meine mangelhafte Ortskenntnis und den Sonnenuntergang um 21 Uhr entschied ich mich nach einem Kilometer alles fallen zu lassen und mit einer Zeltübernachtung zu starten.


Dumm gelaufen – am nächsten Tag merkte ich, dass die Östfjällsstugan ein absoluter Knaller ist. In der Rückschau sogar fast mein absoluter Favorit. Viele der Hütten sind allerdings nur Raststuben, die zwar einen geschlossener Raum haben sowie über Holz und Ofen verfügen, jedoch nur zum Aufenthalt über Tags gedacht sind. Dies ist vor allem im Winter, wenn deutlich mehr Menschen vor Ort sind, als sozialer Aspekt gedacht. Die Hütten sollen für alle da sein. Im Notfall darf man hier selbstverständlich auch drinnen übernachten und von den Notfallrationen oder sogar teilweise einem Notfalltelefon gebrauch machen.

Das Gewöhnen an die Einsamkeit

Das ging eigentlich schneller als gedacht. Man ist immer beschäftigt und es wird kaum langweilig. Der ganze Tag ist voller Routinen. Aufstehen, essen, packen, gehen, Lager suchen, Holz machen, kochen, schlafen und von vorn.
Was einem als Einzel-Gänger auf jeden Fall Sicherheit gibt und das Leben leichter macht ist die, zuvor bereits angesprochene, phantastische Hütteninfrastruktur. Meist findet man alle 5-10 km zumindest einen Unterstand oder gar eine richtige Hütte. Einige sind auch gegen Gebühr zum Übernachten geeignet. Feuerholz, Säge und Axt gibt es eigentlich immer. Die Raststuben (Raststuga) haben fast alle einen Ofen, auf dem man kochen kann und eine Notfallausrüstung. Die Übernachtungshütten verfügen sogar meist noch über Matratzen und Kochgeschirr. Bewirtschaftete Hütten (Fjällstugan) gibt es ganz wenige und eher im nördlichen Teil des Wanderweges.

Ein bisschen verloren fühlt man sich, wenn man in einer der luxoriösen und großen Hütten ganz allein seinen Routinen nachgeht. Ende August ist dann doch schon das Ende der Sommersaion. Man sieht zwar jeden Tag Menschen, abend war ich aber oft allein. Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen. Im Winter ist hier richtig was los. Vor alleim einheimische kommen dann insbesondere aus dem Großraum Stockholm in ihre Ferienhäuser oder die Hotelanlagen in den Skigebieten, um im Fjäll Ski zu fahren oder mit Schneescootern das Gelände zu erkunden. Gerade letztere machen deutlich, dass im Winter die zurückgelegten Distanzen größer und damit die Hütten voll sind.


Eindringen ins Bärengebiet

Am dritten Tag hatte ich endlich die Grenze zum Nationalpark Fulufjället erreicht. Wörtlich übersetzt bedeutet dies hässlicher Berg. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass das weitläufige und karge Plateau in früheren Zeiten für die Menschen ein großes Hindernis und eine Gefahr darstellte und man in einem anstrengenden Alltag keinen Gefallen an dessen karger Schönheit findet konnte.
Das Gebiet ist bekannt als einer der Bärenhotspots in Skandinavien. Allerdings habe ich lediglich mit dem penetranten Nordwind bekanntschaft gemacht, welcher auf dem Plateau besonders effektiv ist. Dafür habe ich auf der gesamten Wanderung die Mücken an einer Hand abzählen können. Allgemein wurde mir aber auch bestätigt, dass in dieser Region die Mückensaison Ende Juli bereits endet. Meine leise Hoffnung auf wenige Plagegeister – und der Grund warum ich so spät im Jahr fahren wollte – hatte sich somit bestätigt.

Njupeskär und Old Tjikko

Aus der einsamen Ödnis ging es über 200 Höhenmeter hinab in einen absoluten Hotspot Schwedens. Der Njupeskär ist der höchste Wasserfall Schwedens und ergießt sich vom Fulufjället Plateau 125 Meter, davon 90 Metern in freiem Fall, in die Tiefe. [1] Das und die hervorragend ausgebaute Wegeinfrastruktur lockt auch in der Nebensaion noch Schaaren an Menschen zu diesem Naturspektakel. Gleich nebenan, aber wieder oben am Plateau verirren sich nun nur mehr eine Handvoll Menschen zum ältesten Baum der Welt – Old Tjikko. Er ist knapp 10.000 Jahre alt und hat sich im Laufe der Zeit immer wieder „neu erfunden“. Der aktuell höchste Stamm hat vor wenigen Jahren seine Krone bei einem Sturm verloren und wirkt für das Gesamtalter des Individuums recht mickrig. [2]

Schlammschlacht in Gördalen

Irgendwann musste es ja passieren. Ich bin schon müde und hab das Ziel vor Augen. Da sinke mit dem rechten Fuß tiefer in den Sumpf ein als ich erwartet hab. Ich denke mir „schnell mit dem linken Fuß auf die Planke springen“. Die war nur leider leicht schief und nass. Das Ergebnis sieht man im ersten Fotoblock auf Bild 6.
Wenige Minuten später war ich bereits in Gördalen. Einem absolut verschlafenem und im Sommer deprimierend wirkenden Wintersportort. Hier konnte ich an einem Unterstand mit Lagerfeuerstelle glücklicherweise meine Sachen trocknen.

Vom Fulufjället nach Grövelsjön

Auf den Hund gekommen

Am nächsten morgen war ich auf einmal nicht mehr allein. Kurz nachdem ich mich wieder durch einen Wald an den Aufstieg ins Drevfjällen machte schoss auf einmal Hündin Tamra an mir vorbei. Da meine Laune und das Wetter ausbaufähig waren freute ich mich über die Gesellschaft. Nach 12 km machte ich in einer Hütte Rast und kam dann doch ins Grübeln, da Tamra keinerlei Anstalten machte wieder zurück zu gehen und bei 7°C immer wieder am Zittern war. Also versuchte ich mit Handy und Satellitentracker gen Himmel Kontakt zu Maria aufzunehmen, damit sie mit stabiler Leitung bei der örtlichen Polizei um Rat fragen konnte. Die Situation muss für die eintreffende Wanderin Marisa in Kombination mit meiner Frage „is this your dog“ etwas schräg gewesen sein. Glücklicherweise konnte uns ein entgegenkommender Einheimischer die Verantwortung abnehmen und er klärte uns auf, dass es sicher ein Jagdhund ist, da hier Ende August die Vogeljagdsaison begonnen hat. Das erklärte dann auch den GPS Tracker am Hals…

Mit vereinten Kräften

Ein bisschen traurig war es dann doch, dass wir wieder ohne Hund waren. Da wir uns nun schon zusammengetan hatten beschlossen wir einfach noch ein Stück gemeinsam weiter zu gehen. Ein willkommene Abwechslung zu den vielen Selbstgesprächen der letzten Tage!
So langsam wurde das Wetter auch wieder freundlicher und so konnten wir uns am Nachtlager, gemeinsam mit zwei entgegenkommenden Wanderern, lecker Sockenschnitzel an Stiefelsud brutzeln.

Zivilisation

Ich hätte nicht gedacht, dass eine Woche in der Wildnis bereits so deutlich vor Augen führen können wie krass überladen an Reizen unser Alltag ist. Das Gefühl in einem winzigen „Supermarkt“ mit etwa 100 Artikeln zu stehen und von den Farben und der Auswahl überfordert zu sein erscheint mir in der Rückschau einfach nur surreal – aber genauso hat es sich angefühlt. Das Unterwegssein am Berg ist zwar selten langweilig, aber man hat doch eher die Kontrolle wieviel Reize man aufnehmen muss und es wiederholt sich vieles. Zudem strahlt die Natur trotz allen atemberaubenden Eindrücken eine Ruhe aus, die auch auf einen selbst abfärbt.
Das schlechte Wetter war nun endgültig überstanden. Am Nachmittag klarte es auf und in der Nacht merkte man bei -3°C, dass die Sonne noch etwas Arbeit vor sich hatte. Die große Hitzewelle von Juli bis Mitte August habe ich leider genau verpasst.

Was bist denn Du für ein Vogel?

Von der Jagdsaison konnte ich mir auch selbst noch ein Bild machen. Viele Hütten haben neben dem öffentlichen Gebäudeteil auch noch einen privaten, welcher im Vorraus gemietet werden kann. Jäger nutzen dies dann gerne als Basislager. So traf ich am Abend drei Jäger aus Dänemark, die von der erfolgreichen Jagd zurückkamen. Und ehe ich mich versah hatte ich einen 5 kg schweren, leider toten, Auerhahn in der Hand.
Leider zeichnete sich ab, dass das Wetter bald wieder schlechter werden sollte. Da meine Füße ebenfalls gezeichnet waren beschloss ich die letzte Etappe zum Rogen auszulassen und einige Tage mit Wandern zu pausieren. Was ich daraus für das nächste Mal gelernt hab:
1. ein zweites Paar Schuhe für das Lagerleben mitnehmen
2. keine harten Bergschuhe für Wanderungen, die länger als drei Tage gehen

Am (vorläufigen) Ziel

Also war der Grövelsjön mit dem gleichnamen Ort das neue erklärte Ziel. Dies liegt exakt auf der Hälfte der Gesamtdistanz nach Storlien. Inclusive des Abstechers zum Njupeskär und Old Tjikko erreichte ich so nach ziemlich genau 200 km endgültig wieder die Zivilisation.
Das war eine sehr bereichernde Tour!
Ganz anders als die Alpen. Einfacher und gleichzeitig herausfordernder. Danke für alles, was ich lernen durfte und danke für die vielen freundlichen Begegnungen!

Eine offene Rechnung

Den See Rogen habe ich leider nicht mehr zu Gesicht bekommen, d.h. ich muss wohl noch einmal wieder kommen. Vielleicht sogar im Winter…

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Njupesk%C3%A4r
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Old_Tjikko

Veröffentlicht von erwandert

Kartograph - Wanderführer - Bergliebhaber

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